Ausmass der inhaltlichen Medienkonzentration

In der Schweiz besitzen wenige Medienkonzerne einen grossen Teil der reichweitenstarken Informationsmedien. Gemäss dem Jahrbuch Qualität der Medien kontrollieren die drei grössten Medienkonzerne TX Group, CH Media und Ringier inzwischen 82 % des Deutschschweizer Pressemarkts. Vielen Leserinnen und Lesern bleibt die zunehmende Medienkonzentration dennoch verborgen. Zwar werden viele Medientitel als eigenständige publizistische Einheiten weiterbetrieben, deren Inhalte werden jedoch zunehmend ähnlicher. Der Grund ist, dass die Medienkonzerne Zentralredaktionen eingerichtet haben, die verschiedene Zeitungen und Onlinemedien mit denselben Inhalten beliefern.

Da die beiden Methoden zur Messung der Berichterstattungsqualität und der Qualitätswahrnehmung auf Ebene einzelner Medientitel ansetzen, wird im MQR bislang der Verlust an inhaltlicher Vielfalt auf der Ebene der gesamten Medienarena nicht erfasst. Diese Vertiefungsstudie untersucht daher, wie sich Verbundsysteme (Mantelredaktionen und sonstige redaktionelle Kooperationen) auf die inhaltliche Medienkonzentration im Deutschschweizer Pressemarkt auswirken.

Die Analyse belegt, dass Verbundsysteme zu einer erhöhten inhaltlichen Medienkonzentration führen. Mit anderen Worten: Die inhaltliche Vielfalt in der Medienarena der Schweiz nimmt ab. Die Hauptursache sind die Zentralredaktionen.

Für die einzelne Leserin, den einzelnen Leser mag dieser Vielfaltsverlust auf Marktebene häufig unbemerkt bleiben, da kaum jemand mehr als einen Medientitel eines Verbundsystems liest. Womöglich erhält er oder sie auf der Ebene eines einzelnen Medienproduktes durch die Bündelung von journalistischen Ressourcen sogar ein qualitativ hochwertigeres Medienprodukt.

Aus demokratischer und gesellschaftlicher Sicht ist der Vielfaltsverlust in der Medienarena jedoch problematisch: Der publizistische Wettbewerb verarmt durch Verbundsysteme. Ein Markt mit ungenügendem Wettbewerb liefert auf kurz oder lang schlechtere Ergebnisse. Eine hohe inhaltliche Medienkonzentration, die mit einer Konzentration der Medienbesitzverhältnisse einhergeht, führt nicht zuletzt zu Machtkonzentration. Eine erhöhte inhaltliche Medienkonzentration ist nicht nur für eine demokratische Meinungsbildung bedenklich. Auch für die Reputation von Organisationen wie Unternehmen, Hochschulen oder Behörden bedeutet sie ein Risiko. Denn eine Handvoll Redaktionen entscheidet, wer in welcher Form Publizität erhält – und wer nicht, wer skandalisiert wird und wer gute Presse erhält.

Die inhaltliche Medienkonzentration bietet einen neuen Kennwert zur Beschreibung von Medienmärkten. Sie zeigt auf, wie viele identische Beiträge in einem Medienmarkt publiziert werden. Die Analyse, welche das Forschungszentrum Öffentlichkeit und Gesellschaft (fög) der Universität Zürich für das MQR-20 durchgeführt hat, zeigt den inhaltlichen Konzentrationsprozess im Deutschschweizer Pressemarkt. Die Analyse basiert auf einem automatisierten Textvergleich, der nach demselben Prinzip wie Plagiatssoftware funktioniert: Es werden alle möglichen Kombinationen von Beiträgen des MQR-Datensatzes miteinander verglichen – das entspricht rund 3,2 Millionen Vergleichen. Mittels Jaccard-Index wird die Übereinstimmung von Textfragmenten (sogenannten Trigrammen) zwischen jedem Textpaar berechnet. Auf diese Weise wird für jeden Beitrag eruiert, ob er ein «Unikat» ist oder einen «Zwilling» hat, es sich also um einen «eigenständigen Beitrag» oder um einen «geteilten Beitrag» handelt. Um den Schwellenwert zu bestimmen, ab welchem Übereinstimmungsgrad ein Beitrag als «geteilt» gelten kann, wurde eine sogenannte Segmentierungsanalyse durchgeführt, die auf linearen Regressionen beruht. Für die vorliegende Analyse werden die Anteile der geteilten Beiträge ausgewiesen. Sie dienen als Mass für die inhaltliche Medienkonzentration und können für die Variablen der Qualitätscodierung und die Verbundsysteme differenziert ausgewiesen werden. Es werden ausschliesslich redaktionelle Beiträge analysiert. Beiträge, die auf Agenturmeldungen basieren, werden bewusst nicht berücksichtigt. Als zusätzlicher Referenzwert werden Daten aus dem Jahr 2018, die für das «Jahrbuch Qualität der Medien 2019» mit der gleichen Methode wie für das Medienqualitätsrating erhoben wurden, ausgewertet. Das Mediensample beinhaltet die Pressetitel der Deutschschweiz, die im MQR-20 berücksichtigt werden: 20 Minuten, Aargauer Zeitung, Basler Zeitung, Berner Zeitung, Blick, Der Bund, Die Südostschweiz, Luzerner Zeitung, Neue Zürcher Zeitung, St. Galler Tagblatt, Tages-Anzeiger.

Medienkonzentration in der Schweiz: Medienmarken der vier grössten Medienhäuser (Quelle: Webseiten der Unternehmen).

Perspektive I: Inhaltliche Medienkonzentration auf Ebene des gesamten Deutschschweizer Pressemarkts

Im Deutschschweizer Pressemarkt nimmt die inhaltliche Medienkonzentration zu (vgl. Abbildung I). In nur zwei Jahren hat sich der Anteil geteilter Beiträge von 10 % auf 21 % erhöht. Das heisst, dass jeder fünfte redaktionelle Beitrag in mindestens zwei verschiedenen Medientiteln erscheint.

Abb. I: Inhaltliche Medienkonzentration im Pressemarkt der Deutschschweiz (Abgebildet sind die %-Anteile der geteilten Beiträge).

Als zusätzlicher Indikator zur Messung der inhaltlichen Medienkonzentration dient die gesamte Menge an publizierten Beiträgen im Pressemarkt. Die Anzahl an redaktionellen Beiträgen, die pro Tag im Durchschnitt von den untersuchten Medientiteln publiziert wurde, bleibt stabil. Im Jahr 2017 wurden in den untersuchten Medien pro Tag durchschnittlich 588 Beiträge publiziert, 2019 jeweils 595 pro Tag. Es wurden also bei einem gleichbleibenden Output mehr Beiträge geteilt. Die inhaltliche Medienkonzentration führt damit zu einem verschärften Vielfaltsverlust im Pressemarkt der Deutschschweiz.

Abb. II: Entwicklung der inhaltlichen Medienkonzentration in der nationalen Politikberichterstattung im Pressemarkt der Deutschschweiz (Abgebildet sind die %-Anteile der geteilten Beiträge).

Nicht in allen Themengebieten ist der Vielfaltsverlust aus demokratietheoretischer Perspektive gleich problematisch. Insbesondere die nationale Politikberichterstattung ist auf eine hohe Vielfalt angewiesen. Im direktdemokratischen System der Schweiz ist es wichtig, dass die einzelnen Medien aus einer regionalen Perspektive auf das nationale Politikgeschehen blicken. Zum Beispiel im Vorfeld von nationalen Abstimmungen, bei denen Regionen oder Kantone unter Umständen unterschiedlich stark von den Auswirkungen der Entscheide betroffen sind. Die inhaltliche Medienkonzentration in der nationalen Politikberichterstattung ist höher als in der Gesamtberichterstattung (vgl. Abbildung II). 2017 erschienen noch 21 % der redaktionellen Beiträge zu politischen Themen auf nationaler Ebene in mindestens zwei Medientiteln. 2019 beträgt dieser Wert bereits 41 %. Im Wahljahr 2019 wurden allerdings täglich mehr Beiträge zur nationalen Politik publiziert (60 Beiträge) als 2017 und 2018 ( jeweils 38). In der nationalen Politikberichterstattung wird der starke Vielfaltsverlust durch einen höheren Output etwas aufgefangen.

Abb. III: Inhaltliche Medienkonzentration in den Verbundsystemen TX Group und CH Media im Vergleich zu den anderen Pressetiteln der Deutschschweiz (Abgebildet sind die %-Anteile der geteilten Beiträge).

Verbundsysteme umfassen eine Vielzahl an Medientiteln, sie wirken jedoch als Treiber der inhaltlichen Medienkonzentration. Betrachtet man diejenigen Medien, die Stand 2019 zu den Verbundsystemen TX Group und CH Media gehören, in ihrer zeitlichen Entwicklung, so lässt sich eine deutlich steigende inhaltliche Medienkonzentration feststellen (vgl. Abbildung III). Im Verbundsystem der TX Group erhöht sich der Anteil geteilter Beiträge von 16 % im Jahr 2017 auf 37 % für das Jahr 2019. Dies ist die Folge der Eingliederung der Berner Zeitung und der Basler Zeitung ins TX-Verbundsystem. Bei den CH Media- Medientiteln ist der Anstieg von 12 % auf 20 % weniger ausgeprägt. Die Zusammenlegung der Redaktionen im Jahr 2019 hat allerdings auch hier zu einer erhöhten inhaltlichen Medienkonzentration in den CH Media-Medientiteln geführt. Die Integration von Medientiteln in die Verbundsysteme führt daher auf Ebene der Medienarena zu einem Vielfaltsverlust beim publizistischen Output. Die TX Group ist im Vergleich zu CH Media bereits «integrierter». Bei Medientiteln, die keinem Verbundsystem angehören und als Referenzwert dienen, bleibt der Anteil geteilter Beiträge konstant niedrig.

Perspektive II: Inhaltliche Medienkonzentration auf Ebene der Verbundsysteme

Für die nachfolgenden Analysen liegt der Fokus auf den Verbundsystemen TX Group und CH Media. Die Codierung der Berichterstattungsqualität ermöglicht eine differenzierte Betrachtung der inhaltlichen Medienkonzentration nach Themenbereichen. In ausnahmslos allen Themenbereichen nimmt die Anzahl geteilter Beiträge von 2017 auf 2019 zu, wenn auch nicht überall gleich stark (vgl. Abbildung IV). Bei der TX Group besteht 2019 die höchste inhaltliche Konzentration im Sportbereich (48 %), bei CH Media in der Wirtschaftsberichterstattung (30 %). In beiden Verbundsystemen weist die Politikberichterstattung 2019 den zweithöchsten Anteil an geteilten Beiträgen auf (39 % bzw. 29 %).

Abb. IV: Inhaltliche Medienkonzentration in den Verbundsystemen TX Group (vormals Tamedia) und CH Media nach thematischem Fokus (Abgebildet sind die %-Anteile der geteilten Beiträge)

Abb. V: Inhaltliche Medienkonzentration in den Verbundsystemen TX Group und CH Media für meinungsbetonte Beiträge (Abgebildet sind die %-Anteile der geteilten Beiträge).

Auch im Bereich der aus demokratietheoretischer Sicht besonders sensitiven meinungsbetonten Beiträge nimmt die inhaltliche Medienkonzentration stark zu. In beiden Verbundsystemen ist die Anzahl geteilter Leitartikel, Kommentare und Rezensionen im Zeitraum von 2017 bis 2019 stark angestiegen (vgl. Abbildung V), bei der TX Group von 12 % auf 22 %, bei CH Media von 11 % auf 25 %.

Abb. VI: Inhaltliche Medienkonzentration in den Verbundsystemen TX Group (vormals Tamedia) und CH Media nach geografischem Fokus (Abgebildet sind die %-Anteile der geteilten Beiträge).

Die regionale Berichterstattung bleibt in den Verbundsystemen eigenständig. Folglich bleibt in beiden Verbundsystemen die inhaltliche Medienkonzentration in der Regionalberichterstattung niedrig. Der Anteil geteilter Beiträge bleibt 2019 sowohl im Verbundsystem der TX Group (5 %) als auch bei CH Media (2 %) sehr gering und nimmt im Vergleich zu 2017 kaum zu (vgl. Abbildung VI). Das Versprechen der Konzerne, die Regionalberichterstattung weiterhin eigenständig zu führen, wird bislang also eingelöst. Die nationale und internationale Berichterstattung weist 2019 in beiden Verbundsystemen hingegen eine hohe inhaltliche Medienkonzentration auf. Bei der TX Group handelt es sich bei 46 % der nationalen Berichterstattung um geteilte Beiträge, bei CH Media beträgt der Wert 38 %. In der internationalen Berichterstattung liegen die Werte bei 55 % bzw. 35 %.

CH Media Themenfokus Regional

TX Group Themenfokus Regional

Abb. VII: Thematischer Fokus in der regionalen Berichterstattung der Verbundsysteme TX Group (vormals Tamedia) und CH Media.

Die Berichterstattung über regionale Themen ist also wenig bis gar nicht von der inhaltlichen Medienkonzentration betroffen. In der Regionalberichterstattung der beiden Verbundsysteme TX Group und CH Media können dennoch, unabhängig von der inhaltlichen Medienkonzentration, thematische Konzentrationsprozesse gemessen werden. In beiden Fällen kommt es zu einer Boulevardisierung der Regionalberichterstattung. Innerhalb der Regionalberichterstattung wird weniger über Politik, Wirtschaft, Kultur und Sport berichtet, während die softnews-geprägte Human-Interest-Berichterstattung zunimmt (vgl. Abbildung VII). Sowohl bei der TX Group (+10 PP) als auch bei CH Media (+9 PP) gewinnen Human-Interest-Themen im Regionalsektor an Bedeutung. Die Zugewinne gehen vor allem auf Kosten der regionalen Politikberichterstattung (–6 PP bzw. –5 PP). Bei CH Media erhält über die Zeit betrachtet, als einzige Ausnahme, die regionale Wirtschaftsberichterstattung mehr Gewicht.