Boulevard- und Pendlerzeitungen

Obwohl Boulevard- und Pendlerzeitungen verstärkt auf Soft News setzen, können sie einen wichtigen Beitrag für demokratische Gesellschaften leisten. Boulevardjournalismus kann eine zentrale Kontroll- bzw. Watchdog-Funktion übernehmen und ist prädestiniert, komplexe Themen einem breiten Publikum lebensnah zu vermitteln. Voraussetzung hierfür ist allerdings, dass sich der Boulevard in ausreichendem Mass mit gesellschaftspolitisch relevanten Themen auseinandersetzt.

Die Einstellung der gedruckten Ausgabe von Le Matin und der On- und Offlineausgaben von Blick am Abend hat aber gezeigt, dass auch Boulevard- und Pendlerzeitungen durch die Digitalisierung in Bedrängnis geraten sind. Der Branche stehen weiterhin schwere Zeiten bevor, wodurch zu befürchten ist, dass Boulevard- und Pendlerzeitungen demokratisch relevante Themen häufiger durch Boulevardthemen ersetzen.

Berichterstattungsqualität (Inhaltsanalyse)

Die Ergebnisse der Inhaltsanalyse zeigen, dass diese Befürchtung bei manchen Boulevard- und Pendlerzeitungen mehr, bei manchen weniger gerechtfertigt ist. Gegenüber 2018 haben von den acht übrig gebliebenen Boulevard- und Pendlerzeitungen je drei Titel an Berichterstattungsqualität eingebüsst bzw. hinzugewonnen, zwei Medientitel konnten ihr inhaltliches Qualitätsniveau halten. Zu den Verlierern zählen drei der vier Titel aus dem 20-Minuten- Medienverbund.

Angesichts dieser durchwachsenen Ergebnisse der Inhaltsanalyse ist erstaunlich, dass gemäss der repräsentativen Bevölkerungsbefragung das Publikum die Qualität aller acht Boulevard- und Pendlerzeitungen höher einschätzt als noch zwei Jahre zuvor.

Wie ist dieser Positivtrend zu erklären? Die Befragung wurde zwischen dem 21. Februar und 9. März 2020 durchgeführt, also genau in jenen Wochen, als die Coronapandemie die Schweiz erreichte. Die Coronakrise – so eine mögliche Erklärung – bot den Boulevardund Pendlerzeitungen eine seltene Gelegenheit, ein gesellschaftlich relevantes und komplexes Thema verständlich und lebensnah zu vermitteln.

Qualitätswahrnehmung (Bevölkerungsbefragung)

Qualitätswahrnehmung
Berichterstattungsqualität

Berichterstattungsqualität und Qualitätswahrnehmung des Publikums Die Grafik zeigt für die Inhaltsanalyse (X-Achse) und die Befragung (Y-Achse), ob ein Titel unterdurchschnittliche (-1), durchschnittliche (0) oder überdurchschnittliche (+1) Qualitätswerte erzielt. Bei Titeln, die sich in der Diagonale positionieren, kommen beide Messverfahren zu analogen Befunden. Bei Titeln ausserhalb der Diagonale weichen die Ergebnisse der Inhaltsanalyse und der Befragung voneinander ab. Punkte oberhalb der Diagonale bedeuten, dass die jeweiligen Medientitel in der Umfrage besser bewertet wurden. Kommen die Medientitel unterhalb der Diagonale zu liegen, haben sie in der Inhaltsanalyse besser abgeschnitten.

Lesebeispiel: Vergleicht man blick.ch mit den übrigen Boulevardund Pendlerzeitungen, erweist sich die inhaltsanalytisch gemessene Qualität als durchschnittlich. Bei der Befragung erzielt der Titel in dieser Vergleichsgruppe jedoch unterdurchschnittliche Werte.

Die Newssites watson.ch und lematin.ch liegen vorn Die Newssites watson.ch und lematin.ch liegen vornDen höchsten Gesamtwert erzielt die Newssite lematin.ch. Zwar stand das Westschweizer Digitalblatt schon vor zwei Jahren auf dem Siegerpodest, dennoch ist dieser erneute Gruppensieg alles andere als selbstverständlich. Hinter lematin.ch liegen zwei turbulente Jahre. Im Juli 2018 entschied die TX Group, die Printausgabe von Le Matin nach 125 Jahren einzustellen. Die Newssite lematin.ch wurde mit verkleinerter Redaktion neu aufgestellt. Trotz allem schneidet lematin.ch beim Publikum deutlich besser ab als noch vor zwei Jahren. Die höchste Berichterstattungsqualität liefert eine andere Newssite: watson.ch. Doch das Zürcher Newsportal «ohne Bla Bla» reicht in der Wahrnehmung des Publikums qualitativ nicht an lematin.ch heran, weshalb watson.ch auf Rang 2 landet. Auffällig ist, dass die deutschsprachigen Ausgaben 20 Minuten und 20minuten.ch besser abschneiden als ihre Westschweizer Pendants. Im unteren Qualitätsfeld verharren auch die beiden Titel aus dem Hause Ringier, der Blick und blick.ch.