Boulevard- und Pendlerzeitungen

Die Schweiz erhielt ihre erste Boulevardzeitung 1959. Der Blick avancierte innert kurzer Zeit zur meistgelesenen Zeitung. Durch den Marktzutritt der Pendlerzeitungen ab der Jahrtausendwende ist den klassischen, bezahlpflichtigen Boulevardmedien starke Konkurrenz erwachsen. Auch die Pendlerzeitung 20 Minuten mit ihren sprachregionalen Pendants und der Blick am Abend (nicht Bestandteil der Analyse) setzen auf rasch konsumierbare Softnews. Im Zuge der Digitalisierung hat sich der Trend zur Boulevardisierung nochmals weiter verstärkt. Sowohl der klassische Boulevard als auch die Pendlerzeitungen haben in den 2000er Jahren erfolgreiche Webangebote lanciert, die einen grossen Verbreitungsgrad haben. Mit watson.ch wurde 2014 ein neues, rein digitales Format geschaffen, das Hardnews mit unterhaltenden Storys anreichert und damit die bisherigen Angebote wie 20 Minuten und Blick zusätzlich unter Druck setzt.

Im Zuge der Digitalisierung hat sich eine neue «Währung» etabliert: über Klick- und Viralitätsraten generierte Reichweite. Softnews, emotionsgeladene, empörungstiftende Storys und auf prominente Personen abzielende Darstellungen werden besonders häufig angeklickt. Dies beeinflusst die publizistischen Strategien und prägt das vergleichsweise geringe Qualitätsprofil der Boulevard- und Pendlerzeitungen. Das hohe Publikumsinteresse weckt im Gegenzug das Interesse der werbetreibenden Wirtschaft. Trotz möglicher Vorbehalte kann der Boulevard für demokratische Gesellschaften einen wichtigen Beitrag liefern: Diese Art des Journalismus kann eine wichtige Kontroll- bzw. Watchdog-Funktion übernehmen und ist prädestiniert, komplexe Themen durch einen lebensweltlich nahen Zugriff zu vermitteln. Voraussetzung hierfür ist allerdings, dass er sich auch tatsächlich in ausreichendem Mass mit gesellschaftspolitisch relevanten Themen beschäftigt.

Qualitätswahrnehmung
Berichterstattungsqualität

Berichterstattungsqualität und Qualitätswahrnehmung des Publikums Die Grafik zeigt für die Inhaltsanalyse (X-Achse) und die Befragung (Y-Achse), ob ein Titel unterdurchschnittliche (-1), durchschnittliche (0) oder überdurchschnittliche (+1) Qualitätswerte erzielt. Bei Titeln, die sich in der Diagonale positionieren, kommen beide Messverfahren zu analogen Befunden. Bei Titeln ausserhalb der Diagonale weichen die Ergebnisse der Inhaltsanalyse und der Befragung voneinander ab. Punkte oberhalb der Diagonale bedeuten, dass die jeweiligen Medientitel in der Umfrage besser bewertet wurden. Kommen die Medientitel unterhalb der Diagonale zu liegen, haben sie in der Inhaltsanalyse besser abgeschnitten.

Lesebeispiel: Vergleicht man 20 minutes mit den übrigen Boulevard- und Pendlerzeitungen, erweist sich die inhaltsanalytisch gemessene Qualität als durchschnittlich. Bei der Befragung erzielt der Titel in dieser Vergleichsgruppe jedoch nur unterdurchschnittliche Werte. Obwohl häufig genutzt, fällt der Titel bei den Befragten durch.

lematin.ch neu auf dem Siegerpodest Während die deutschsprachige Newssite von 20 Minuten 2016 noch mit lematin.ch konkurrenzieren konnte, rutscht der Titel nun ins Mittelfeld und überlässt dem Onlineangebot von Le Matin das Siegerpodest. Das gemeinsame Schlusslicht bilden nach wie vor die beiden Titel aus dem Hause Ringier, der Blick und blick.ch. Während bei den Abonnementszeitungen weiterhin die Printausgaben das Onlineangebot qualitativ überflügeln, zeigt sich bei den Boulevard- und Pendlervertretern ein ambivalenteres Bild. Hier schaffen lematin.ch und 20minutes.ch einen Mehrwert; und auch 20minuten.ch und blick.ch erzielen jeweils Punktegleichstand mit ihren gedruckten Pendants.

Bei sechs von neun untersuchten Titeln weichen die beiden Analyseverfahren – Inhaltsanalyse und Befragung – in ihren Befunden voneinander ab. Inhaltlich weisen die Berichterstattungen von 20 minutes – off- wie online – sowie die gedruckte Ausgabe von 20 Minuten in der Gruppe zwar passable Qualitätswerte auf, jedoch werden diese Titel vom Publikum als tendenziell unterdurchschnittlich eingestuft. Der französischsprachige Boulevard sowie das rein digital agierende watson.ch (das neu in diese Vergleichsgruppe aufgenommen wurde) werden von den Befragten überproportional hochwertig eingeschätzt, während die Inhaltsanalyse hier lediglich Durchschnittswerte ausweist.