Vorwort

Seit 2014 misst unsere Studie die Entwicklung der Qualität der wichtigsten Informationsmedien der Schweiz. In diesen sechs Jahren hat sich das Zeitungsland Schweiz zur «Digital first»-Medienlandschaft verändert – mit teilweise drastischen Folgen. Die Digitalisierung hat der Boulevardisierung auch der Qualitätsmedien Vorschub geleistet, mit mehr Human Interest, populären Stoffen und zugespitzten Headlines. Liveticker, Pushnachrichten und soziale Medien zeichnen sich durch eine fortlaufende Fixierung auf die Gegenwart aus. Die Einordnung in Zusammenhänge droht ins Hintertreffen zu geraten.

Auffällig im Zusammenhang mit dem Bedeutungsverlust der gedruckten Zeitung steht der sich abzeichnende Qualitätsrückgang in der ganzen Gruppe der Sonntagszeitungen und Wochenmagazine, die viele Jahre die Königsgattung im Print-Journalismus darstellte. Anders als befürchtet hat sich jedoch die Berichterstattungsqualität in den Online-Ausgaben in den relevanten Bereichen Politik und Wirtschaft nicht auf einem tieferen Niveau eingependelt.

Im MRQ-20 können sich etwa die Newssites nzz.ch und bernerzeitung.ch gegenüber 2018 um jeweils 4 Qualitätspunkte verbessern. Mit dieser Qualitätssteigerung gelingt es der bernerzeitung.ch die Printausgabe zu übertreffen. nzz.ch erreicht inzwischen fast das Qualitätsniveau der Printausgabe – eine Entwicklung, die vor einigen Jahren noch schwer vorstellbar war.

Weit dramatischer und folgenschwerer sind die wirtschaftlichen Veränderungen der Digitalisierung. Heute konkurrenzieren Tagesund Onlinezeitungen nicht länger nur untereinander, sondern zusätzlich mit Informations- und Unterhaltungsangeboten aller Art aus aller Welt. Die Entfesselung des Wettbewerbs auf dem Werbeund Lesermarkt hat dazu geführt, dass sich Qualitätsjournalismus für die meisten Tages- und Onlinezeitungen zu einem Verlustgeschäft zu entwickeln droht. Die Werbegelder fliessen zu den Tech-Giganten, die Markenbindung nimmt ab, die Zahlungsbereitschaft der Leserschaft muss erst geweckt werden.

Die Medienhäuser haben drastische Massnahmen ergriffen, um ihr wirtschaftliches Überleben zu sichern. So haben AZ Medien und die NZZ-Regionalmedien im Jahr 2018 das Joint Venture CH Media gegründet. Seither werden die Aargauer Zeitung, die Luzerner Zeitung und das St. Galler Tagblatt bei nationalen und internationalen Themen aus einer Mantelredaktion mit Sitz in Aarau bestückt. Auch die TX Group (ehemals Tamedia) produziert Inhalte vornehmlich in Zentralredaktionen – je eine in der Deutsch- und der Westschweiz. Seit der Integration der Berner Zeitung und der Basler Zeitung in das Verbundsystem zählt dieses über 20 Medientitel.

Angesichts dieses stürmischen Wandels ist das Rating ein wichtiger Seismograph, um die Funktionsfähigkeit der Medien für die demokratische Gesellschaft zu bewerten. Auf einen Befund dieser dritten Ausgabe des MQR ist besonders hinzuweisen: Die Analyse der Berichterstattungsqualität weist nach, dass es zu einem bedeutenden Vielfaltsverlust – vor allem bei den Tages- und Onlinezeitungen – gekommen ist.

Für die demokratische Meinungsbildung ist dieser Verlust an Vielfalt auf Systemebene besorgniserregend. Um das Phänomen genauer zu erfassen, haben wir das MQR-20 mit einer Vertiefungsstudie zur Messung der Medienkonzentration ergänzt. Ergebnis: In der Politikberichterstattung 2019 beträgt der Anteil an geteilten Beiträgen bereits 30–40 Prozent. Und in beiden Verbundsystemen ist die Anzahl geteilter Leitartikel, Kommentare und Rezensionen im Zeitraum von 2017 bis 2019 deutlich angestiegen – bei der TX Group von 12 % auf 22 %, bei CH Media von 8 % auf 25 %. Ausgenommen von der inhaltlichen Medienkonzentration ist bisher die Regionalberichterstattung. Ob diese trotz anhaltendem Spardruck nicht ausgedünnt wird, entwickelt sich zur politisch brisanten Frage. Sparpotenzial besteht fast nur noch in der Region.

Ein herzliches Dankeschön gebührt den ausführenden Instituten, unseren Vereinsmitgliedern, dem Vorstand und den Donatoren (Liste siehe Kapitel Stifterverein) sowie allen Helferinnen und Helfern, die mit ihrer grossartigen Unterstützung dieses Werk ermöglicht haben.

September 2020


Andreas Durisch,
Gründungsmitglied Stifterverein Medienqualität Schweiz



Das goldene Q erhalten die jeweiligen Gruppensieger sowie jenes Medium,
das gegenüber 2018 am meisten Qualitätspunkte dazugewonnen hat.

Gruppensieger 2020:
  • Neue Zürcher Zeitung (Vergleichsgruppe: Tages- und Onlinezeitungen)
  • NZZ am Sonntag (Vergleichsgruppe: Sonntagszeitungen und Magazine)
  • lematin.ch (Vergleichsgruppe: Boulevard- und Pendlerzeitungen)
  • SRF – Echo der Zeit (Vergleichsgruppe: Radio- und Fernsehsendungen)
Aufsteiger 2020:
  • blick.ch